Vorwort

Gibt es nicht schon genügend Veröffentlichungen zu dem leidigen Thema »Scheidung«? Ist nicht schon alles gesagt? Es existieren etliche Bücher entweder mit seelsorgerlichem oder theologischem Schwerpunkt. Ich möchte hier beides in eine gesunde Balance bringen, ohne den einen gegen den anderen Aspekt auszuspielen. Dabei sollen außerdem weit verbreitete Denkmuster hinterfragt sowie auf unbeachtete und fehlerhaft übersetzte Bibelstellen hingewiesen werden. Die neu überarbeitete Auflage enthält etliche Ergänzungen in dieser Hinsicht. Die Fußnoten beinhalten neben Bibelstellenangaben Hintergrundinformationen und Quellenangaben für interessierte Leser, die zum Verständnis aber nicht unbedingt nötig sind.

Ich bin keineswegs der Meinung, dass nur ein Theologe umfassende geistliche Erkenntnis besitzen kann. Andererseits hat Gott Lehrer in Seine Gemeinde gesetzt, die darauf achten sollen, was auf dem Fundament Jesus Christus gemäß der Bibel aufgebaut wird. Gerade wenn es um Scheidung und Wiederheirat geht, kann es leicht passieren, dass man die großen Linien der Heiligen Schrift und grundlegende Wesenszüge Gottes aus den Augen verliert – wie die Pharisäer, die, während sie Minze und Dillkräuter für die Zehntengaben abzählten, prinzipielle, übergreifende Lehren vernachlässigten. Daher werden diese unerlässlichen Grundlagen im ersten Teil dieses Buches in Erinnerung gerufen.

Jeder geht mit unterschiedlichen Prägungen und Vorgaben an dieses Thema heran. Es bedarf einiger Mühe, diverse Filter und rosarote oder manchmal pechschwarze Brillen abzunehmen, um zu einer möglichst großen Unvoreingenommenheit zu gelangen. So habe ich im zweiten Teil viele Puzzlesteine zusammengetragen, die ich aus einer intensiven Beschäftigung mit den Grundtexten des Alten und Neuen Testaments über einen größeren Zeitraum hinweg gesammelt habe. Sie mögen zum eigenen Studium und zur Nachforschung anregen.

Ehescheidung und Scheitern allgemein ist ein Thema, das in vielen christlichen Kreisen fast nur unter geistlichen Aspekten wie Sünde, Gebot und Gehorsam behandelt wird. Vernachlässigt wird allzu oft die von Gott geschaffene Seele; das erklärt auch die noch weit verbreitete Skepsis gegenüber der Psychologie. Wenn aber die Seele bei der Bewertung von Ehescheidungen zu kurz kommt, entstehen Unausgewogenheiten. Daher geht es im dritten Teil um aus der Bibel gewonnene seelsorgerliche Aspekte, die mit psychologischen Erkenntnissen verglichen werden.

Der Anhang enthält umfangreiches Tabellen-Material, das geschulten Verantwortungsträgern und Interessierten fachlich überprüfbare Argumente und weitere Denkanstöße an die Hand gibt. Die drei ungefähr gleich großen Teile bauen aufeinander auf, sind aber auch für sich genommen verständlich und können daher ebenso in anderer Reihenfolge studiert werden. Ein ausgewogenes Gesamtbild ergibt sich jedoch nur durch die komplette Lektüre. Die zahlreichen Zitate in kursiver Schrift von Augustinus bis Luther, von Bonhoeffer bis Hybels, von Freud bis Drewermann sollen eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansätzen und Argumenten ermöglichen. Ich stimme keineswegs in jedem Fall mit den Zitaten und den sonstigen Lehrmeinungen ihrer Autoren überein. Am Wichtigsten sind mir ohnehin die Zitate aus der Heiligen Schrift.

Wer alles zu dem Thema erkannt zu haben meint und ohne Offenheit zumindest für eine Ergänzung seiner Erkenntnis eine fest zementierte Linie vertritt, wird dieses Buch ebenso wenig mit Gewinn lesen können wie der, dessen Gedanken beim Lesen ständig um vermutete niedrige Motive des Autors kreisen. Denn ich habe als langjähriger Pastor und Seelsorger nicht nur eine Reihe von Paaren getraut und begleitet, sondern selbst den Prozess von Trennung, Scheidung und erneuter Heirat durchlebt. Natürlich beschäftige ich mich als Betroffener in dieser Hinsicht ganz anders mit dem Wort Gottes. Da über die Not hinaus, die eine Scheidung unweigerlich mit sich bringt, oft unnötig zusätzliches Leid verursacht wird, möchte ich mit meiner zum Teil leidvoll gewonnenen Erkenntnis dazu beitragen, dass in diesem Bereich behutsamer und gewissenhafter mit der Bibel und miteinander umgegangen wird. Außerdem betrifft die in vielen christlichen Gemeinden vernachlässigte Dimension des Scheiterns ja nicht nur Geschiedene, sondern alle möglichen Christen, deren Lebensentwurf irgendwie und irgendwann misslingt, z.B. von Arbeitslosigkeit oder Insolvenz betroffene Menschen.

Erkenntnis, auch meine, ist Stück-Werk. Deshalb möchte ich durch dieses »Werk« mein »Stück« hinzufügen und Martin Luthers Rat selbst beherzigen, aber auch anderen ans Herz legen, der sagte: Und hüte dich, dass du nicht ... denkest, du habest es ein- oder zweimal genug gelesen, gehört, gesagt und verstehst es alles.



Andreas Eichberger, Herbst 2013